„Internationale Karriere: „Alle sind komisch – auch ich“ (Interview)

Geschrieben von Cornelia Bohlen am in Allgemein, Bewerbungen, Blog

Wichtige Tipps, um Ihre internationale Karriere zu starten

Interviewer: Cornelia Bohlen

Sie haben Interesse an einem Auslandsaufenthalt? Sie planen in naher Zukunft Ihren nächsten beruflichen Schritt im Ausland?

Darüber habe ich mich in meinem Auftaktinterview für 2016 mit Tim Riedel unterhalten. Tim Riedel ist Geschäftsführer der interpool Persona GmbH (www.interpool-hr.com) in Berlin, mit der er deutsche Unternehmen zu den Themen internationales und interkulturelles Recruiting, Personalauswahl, Assessment Center und Talent Management im Kontext von Globalisierung, Innovation und demografischem Wandel berät.

Herr Riedel, wie haben Sie Ihren Weg in das internationale Arbeitsumfeld gefunden? Warum sind Sie nicht, wie viele andere, im heimischen Deutschland geblieben?

(lacht) Nun, ich habe keine klassische, internationale Unternehmenskarriere gemacht. Angetrieben wurde ich eher durch meine Neugierde auf Menschen aus der ganzen Welt und auf deren Kommunikation. Als Schüler nahm ich an einem Austausch in die USA teil, als Student habe ich in einem internationalen Projekt in Jordanien gearbeitet.

Das heißt, Sie haben kein klassisches, internationales Studium abgeschlossen?

Nein, auch das nicht. Politikwissenschaften und Jura. Es hätte genauso gut Psychologie und BWL sein können. Das war ein wenig beliebig, gebe ich zu. Weniger beliebig war meine Neugierde auf Menschen aus aller Welt. Und im Fach Politikwissenschaften konnte ich umsetzen, was mir zudem liegt: Organisieren. Müsste ich heute die Säulen meines Antriebs benennen, wären es diese drei: Ich organisiere gern, mache gern etwas mit Menschen, denke gern nach. Das ließ sich gut mit dem Politikwissenschaftsstudium verbinden.

Wie ging es dann nach dem Studium weiter?

Danach habe ich Quereinstieg gewagt und mein Unternehmen „Interpool“ gegründet.

Was ist das Ziel von „Interpool“?

Letztendlich: Alles, was zur Personalgewinnung und Potenzialanalyse in einem internationalen und interkulturellen Umfeld dazugehört. Also klassisches Recruiting weltweit genauso wie interkulturelle Assessment Center, Interviewtrainings und Beratungsprojekte rund um die Personalauswahl. Mir war die Organisation- – und Personalentwicklung immer wichtig. Darum bin ich früh in den Personalbereich eingestiegen. Ich habe als Berater viel für deutsche und einige internationale Unternehmen gearbeitet. Heute besetzen wir die ersten beiden Managementebenen deutscher Mittelständler im Ausland und helfen unseren Kunden, trotz kultureller Unterschiede die wirklichen Potenziale bei ihren Bewerbern zu erkennen.

Was sehen Sie im Rückblick als guten Einstieg für eine internationale Karriere?

Rausgehen! Wer international Karriere machen möchte, braucht Erfahrung im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen: als Austauschschüler, als Au-pair oder während des Studiums als Praktikant bei freiwilligen Organisationen. Das ist der Kern eines guten Einstiegs in eine internationale Karriere. Entscheidend ist nicht die Schnelligkeit des Studiums, sondern vielmehr praktische Erfahrungen zu sammeln und dafür auch mal das Studium zu unterbrechen.

Herr Riedel, wie wichtig sind dabei für Sie Sprachkenntnisse?

Ohne Englisch geht gar nichts! Das aber hat man spätestens nach dem ersten Auslandsaufenthalt drauf. Weitere Sprachkenntnisse oder ein Sprachstudium helfen natürlich; es steht und fällt aber alles mit Englisch.

Was ist für Sie als Recruiter oder auch für Personaler wichtig im Hinblick auf den idealen, international ausgerichteten Bewerber?

Verallgemeinerungen sind hier schwierig. Wenn ich etwas generell sagen müsste, dann das: Hat der Bewerber früh internationale, interkulturelle Erfahrung gesammelt, hat er oder sie in seinem Leben verschiedene Dinge ausprobiert und über den Tellerrand geblickt? Ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel vorhanden?

Können Sie konkretisieren, was interkulturelle Kompetenz genau bedeutet?

Wir haben alle Bilder und Stereotype im Kopf. Aber diese vorsichtig zu verwenden, auch wie man nur sich selbst sieht, – das zeichnet Bewerber für den internationalen Markt aus. Dann kann er sich in jemand anderen hineinversetzen, besitzt ein gehöriges Maß an Selbstreflexion und die Möglichkeit das eigene Verhalten nicht als selbstverständlich anzusehen. Er ist flexibel im eigenen Verhaltensrepertoire, neugierig und vorsichtig mit Abwertungen.

Das klingt alles nach schönen Idealen, wie wir miteinander – nicht nur im interkulturellen Kontext – umgehen sollen. Aber kann ein Bewerber handfeste Maßnahmen ergreifen, um interkulturelle Kompetenz zu erlangen?

Es hilft auf alle Fälle, sich auszutauschen und Trainings zu besuchen – und damit das eigene Wissen und die eigene Sensibilität anzureichern und diesen Dreiklang aus Herz, Hand und Kopf erspüren.

Der Expatriate muss ein Gefühl dafür entwickeln, was ich in bestimmten Kontexten sagen darf und was nicht. Wie habe ich zu sein, wie direkt drücke ich mich aus, an welche Regeln muss ich mich halten, an welche nicht? Wie sehr kann ich über Hierarchien hinweg etwas kritisieren? Was heißt es, wenn ich eine Aufgabe zusage oder nicht? Wir alle haben da einen Korridor für bestimmtes Verhalten. Und wir alle setzen voraus, dass das für alle anderen ebenfalls gilt. Erst wenn wir im Ausland sind, merken wir, dass es in anderen Kulturräumen eben anders interpretiert wird. Das gleiche Verhalten kann eine andere Bedeutung haben. Oder unterschiedliches Verhalten hat die gleiche Bedeutung und diese Bedeutungen müssen wir erst kennenlernen. Daraus erkennen wir: Nicht nur die anderen sind komisch, sondern ich auch!

Ist der Schritt ins Ausland immer karrierefördernd, Herr Riedel?

Nicht unbedingt, – zumindest nicht kurzfristig. Karriereorientiertheit als einzige Motivation wird nicht ausreichen. Die Frage ist vielmehr: Gewinne ich „Employability“? D.h. lerne ich etwas hinzu, das für Arbeitgeber einen Mehrwert bedeutet? Oder ist es so, dass es eventuell gar keine Nachfrage dafür gibt? Berufsfelder wie Controller oder Entwickler werden immer eine Stelle finden; aber als Künstler oder Sozialwissenschaftler ist das nicht immer so.

Zum nächsten Schritt: Die Stelle im Ausland ist sicher. Aber nach drei Monaten fühlt man sich immer noch unwohl. Was würden Sie in dieser Situation raten?

Es ist normal, dass auf die Anfangseuphorie ein kleines Loch folgt, in das der Expatriate fällt. Es ist anstrengend im Ausland. Sprache und Kultur entsprechen nicht der eigenen Komfortzone, damit muss man erst einmal klar kommen: menschliche Bindungen knüpfen, sich wieder zuhause fühlen, verstanden werden – wenn dies im Ausland beginnt, dann geht die Kurve wieder nach oben. Es hilft zu wissen: Allen Expatriate – Austauschschüler oder CEO – geht es so! Das genau ist die Lernkurve, aus der eigenen Komfortzone raus zu müssen, nur dann lernt man etwas. Dabei können natürlich Coaches und Freunde helfen. Darum ist der Austausch mit anderen Menschen so wichtig.

Geht es allerdings zu lange oder zu tief, dann heißt es überlegen, ob man durchhalten will.

Was bedeutet solch ein Arbeiten im internationalen Umfeld für Partner und Familie?

Es gibt viele unterschiedliche Typen und Herangehensweisen. Aber zuerst einmal sollte klar sein, dass die Entscheidungen für einen Arbeitsplatz im Ausland ernst genommen und auf Augenhöhe sowie für den Partner transparent getroffen werden. Sicher auch, dass jeder innerhalb der Familie seine Wünsche, Ziele und Sorgen in Bezug auf den Auslandsaufenthalt äußert. Welche Fragen in diesem Zusammenhang besprochen werden, hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit jedes Einzelnen ab. Ist jemand eher sicherheitsorientiert, wird er vielmehr Details vorher zu klären haben, als jemand, der eher spontan handelt. Dem sogenannten „trailing spouse“ (mitreisenden Partner) kommt eine schwierige Rolle zu. Er hat keine Funktion und keine Einbindung in Netzwerke, – er kann unglücklich und isoliert sein. Das hängt damit zusammen, ob Partner und Familie eine Arbeitsgenehmigung bekommen oder befriedigende Aufgaben finden.

Wie verändern diese beruflichen Erfahrungen im Ausland die Perspektive auf Deutschland?

Wenn man im Ausland ist, merkt der Expatriate erst, wie sehr man sein eigenes Deutschland vermisst, wie deutsch man ist und wie wohl man sich hier fühlt. Auf der anderen Seite erkennt man, wie viel bewusster man die Andersartigkeit reflektieren, wo man anderes interagieren kann und was wir für normal halten.

Wie schwer ist der Weg zurück vom internationalen Parkett auf das heimische?

Der Weg zurück ist oft schwieriger als raus, weil der Expatriate die Probleme oft unterschätzt. Auch ist es ein Statusthema: Sie bekommen weniger Freiräume in der Firma, weniger Geld, waren in der alten Firma als Experte angesehen, sind dann aber zurück in einem Unternehmen, wo keiner Sie wirklich vermisst hat. In dieser Situation ist es ratsam, sich die Vorteile der Rückkehr immer wieder vor Augen zu führen und sich bereits vor dem Wechsel damit auseinanderzusetzen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Riedel.

Diese Beiträge könnten Sie für den Start in die internationale Karriere auch noch interessieren:

Einen guten Überblick über alle Themen und Tipps bietet:

https://www.deutschlands100.de/beruf-karriere/websitetipps/berufseinstieg-karriere/im-ausland.html

http://www.studieren-im-netz.org/nach-dem-studium/karriere/internationale-karriere

Spezielle Tipps für Ingenieursberufe gibt der VDI:

https://www.vdi.de/karriere/arbeiten-im-ausland/

http://www.hs-bremen.de/internet/einrichtungen/fakultaeten/f5/international/aktuelles/verein_deutscher_ingenieure.pdf

Ein Ratgeber:

http://www.zeit.de/karriere/2015-02/internationale-karriere-ratgeber

Die Themen der „trailing spouses“

http://www.expatinfodesk.com/expat-guide/moving-with-your-partner/being-a-trailing-spouse/

http://blogs.wsj.com/expat/2015/07/06/portrait-of-a-trailing-spouse-dependent-dejected-and-learning-to-give-herself-some-slack/

Interesse an sozialen Projekten im Ausland?

http://www.help2kids.org/de/volunteering-informationen/?gclid=CjwKEAiAoIK1BRCRiMqphvnlwlwSJAAOebPMPPtAwsWFRPZ3A4tJyPTYmVyyb1USx8SpNqNYn1tsVRoCoM_w_wcB

http://www.social-services.net/?gclid=CjwKEAiAoIK1BRCRiMqphvnlwlwSJAAOebPMjwD_pbKRc9LPeou_UaUaqKYJP9_d2T1adpPGGRr8NhoC7Mvw_wcB

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Cornelia Bohlen

cornelia_bohlenMit Berufs Leben hat Cornelia Bohlen einen neuen Coachingansatz geschaffen, mit dem jeder mehr Erfolg und Zufriedenheit im Leben erreichen kann.

Durch ihre jahrelange Erfahrung im Beruf wie als Coach und Trainer hat sie Ihr breites Wissen jetzt in drei Paketen gebündelt: entdecken. entwickeln. erleben.

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